Die Geschichte

592616e070

Freifrau Gertrud von Riedesel

Das Dorf Sickendorf (Dorf des Sigo, des Sicko, das bedeutet: des Siegreichen) bei Lauterbach wurde bereits erstmals im Jahre 846 unter diesem Namen erwähnt. Bereits im 15. Jahrhundert wird dort vom Lehnshof der Familie Riedesel gesprochen. Ende des 18. Jahrhunderts nahm die Burglinie der Riedesel den Hof als ihren Familiensitz in Anspruch, wonach dort ein Herrenhaus im Adelsrang erbaut wurde.
 
Ende des 19. Jahrhunderts nahm sich Albrecht Riedesel des vernachlässigten Schlossbaus an. Er heiratete Gertrud Münchmeyer, eine Hamburger Bankierstochter, und erbaute ein neues Schloss auf den alten Grundmauern. 1884 brannte es bei einer Feuersbrunst bis auf Turm und Mauerstücke des Hauptgebäudes ab. 1888 gelang die Wiederherstellung des neuen Schosses. Es enthält kunstgeschichtlich betrachtet Elemente des spätwilhelminischen Historismus, des beginnenden Jugendstils, sodass die architektonische Struktur einer Elbvilla Hamburgs nahe kommt.
 
Baron Albrecht erbaute kurz nach 1900 eine große Reithalle im Jugendstil und einen Reitstall mit bemerkenswertem Konzept des zeitgemäßen Historismus. Der Reit- und Jagdsport hatte in der Familie lange Jahre bis nach dem 2. Weltkrieg große Tradition.
 
Das Gästehaus, erbaut 1911, schmiegt sich bautechnisch dem Still des Schlosses an, das in einem wunderschönen Baumpark, mitgestaltet durch die Gebrüder Siesmayer, welche unter anderem den Frankfurter Palmengarten formten. Seine Wiesenflächen wurden aufgelockert durch künstlerische Steinbilder früherer Epochen.
 
Besonders die soziale Einstellung der Freifrau ließ vier Arbeitshäuser entstehen, die halbjährig die Saison- und Erntearbeiter mit ihren Familien aufnahm. Die Freiherrin gewährte auch der Einrichtung eines Lazarettes Raum, das vom Deutschen Roten Kreuz 1914 bis 1918 geführt wurde, da die Zahl der kriegsverwundeten von den üblichen Krankenhäusern nicht mehr aufgenommen werden konnten.
 
In den o. g. Nebengebäuden fand auch die Offenbacher Firma Gustav Stabernack nach ihrer Evakuierung im 2. Weltkrieg ein neues Zuhause. Eine weitere große wirtschaftliche Bedeutung hatte die vorbildlich geführte Schlossgärtnerei.

Da die Sickendorfer Linie der Riedesel ausstarb, kam das Anwesen mehrmals zum Verkauf. Der Schlosspark dient seit 1982 als weithin bekannter Antikmarkt.
 
Seit Januar 2008 ist das Schloss, der 12 ha große Schlosspark sowie das Gästehaus in Händen eines neuen privaten Besitzers, welcher sich engagiert mit der Restaurierung und Vermarktung des Anwesens beschäftigt und dem traditionellen Antikmarkt neuen Aufschwung verlieh.
 
Quellen: Auszüge aus einer Zusammenfassung von Prof. Dr. Karl-August Helfenbein (mit herzlichem Dank!), www.siesmayer.info sowie eigene Ergänzungen.